von | 01.07.2020 | Digitalisierung

Ganzheitliche Unternehmens-Digitalisierung Teil 1

„Deutschlands Konzernführungen trauen ihren Beschäftigten den Sprung ins digitale Zeitalter nicht zu."

Ende 2019 schreibt das manager magazin in seinem Artikel „Manager schieben digitalen Rückstand auf die Mitarbeiter“ die folgenden Zeilen:

„Deutschlands Konzernführungen trauen ihren Beschäftigten den Sprung ins digitale Zeitalter nicht zu. So lässt sich eine repräsentative Studie der zu Ernst & Young gehörenden Digitalberatung Etventure zusammenfassen […]. 76 Prozent der befragten Entscheider aus 2000 Großunternehmen nannten das Fehlen qualifizierter Mitarbeiter mit Digital-Knowhow als wichtigste Hürde für die Digitalisierung – ein steiler Anstieg gegenüber den Vorjahren. Das Vertrauen in die vorhandene Belegschaft schwindet rasch. Nur noch ein gutes Viertel der Unternehmen hielt die Mitarbeiter für ausreichend qualifiziert. Vor zwei Jahren sagte das noch jede zweite Firma.“

Diese umfassend quantitativ (durch den Marktforscher GfK im Auftrag von EY) erhobene Wahrnehmung der Führungskräfte in Deutschland deckt sich mit unseren alltäglichen Erfahrungen im Kundenkontakt zu Digitalisierungs-Fragen bei CHANGEsupport. Als Sachverständiger für ganzheitliche Unternehmens-Digitalisierung und Scrum Master landen diese Digitalisierungs-Themen bei CHANGEsupport typischerweise auch auf meinem Tisch und die erste Frage im Individualfall eines betreffenden Kunden ist in der Regel: Woran liegt das?

Digitalisierungs-Weiterbildungs-Knowhow für Mitarbeiter ist doch in inflationärem Ausmaß vorhanden

Denn, es ist ja heute kein Problem mehr, gezieltes Digitalisierungs-Fach-Knowhow einzukaufen und es an seine Mitarbeiter vermitteln zu lassen. Der Markt ist übersättigt mit derartigen Trainings-/Schulungs-Angeboten.

Wie kann die oben zitierte EY-Studie also zu dem Ergebnis kommen, dass von deutschen Top-Managern gerade die Mitarbeiter als der Engpass für Digitalisierung bewertet werden?

In meinen Kundengesprächen oder bei der Erstellung von Digitalisierungs-Gutachten wird dann regelmäßig klar: Das für die individuelle Herausforderungslage benötigte Digitalisierungs-Knowhow kann eben nicht durch isolierte Maßnahmen oder einfache Technik-Schulungen bereitgestellt werden. Denn dies sind immer nur einzelne Bausteine. Und – egal wie gut die Qualität des Einzelteils ist – viele einzelne Bausteine bauen eben noch kein funktional befriedigendes Digitalisierungs-Haus.

Ganz im Gegenteil, denn die Metapher zur klassischen Baustelle funktioniert zur vereinfachten Verbildlichung der Digitalisierungs-Dynamiken gut: Aus zahlreichen einzelnen Bausteinen lassen sich alle möglichen Arten von (Digitalisierungs-)häusern bauen. Dies setzt jedoch voraus, dass man als Bauherr weiß, welches Haus man zu bauen anstrebt und dass es einen fachkundigen, erfahrenen Architekten gibt, der die gegebenen Arbeitskräfte und Bausteine koordiniert in einer logisch aufeinander aufbauenden Reihenfolge zum gewünschten Endergebnis „So und nicht anders gewünschtes Haus“ zusammenführt. Dieses Endergebnis ist in aller Regel so klar und greifbar, dass es – neben den obligatorisch vorhandenen Grundrissen und Bauzeichnungen – sogar in 3D bildhaft modelliert ist.

Die Bau-Metapher funktioniert vereinfacht für die Digitalisierungs-Vorhaben von Unternehmen und Organisationen im Allgemeinen sehr gut. Allerdings ist der Digitalisierungs-Job noch etwas anspruchsvoller, weil er zwar genauso komplex ist, wie eine größere Baustelle, dabei aber auch noch sehr viel schneller und volatilen Änderungen unterworfen.

Dies ist der Hauptgrund, warum agile Frameworks wie Scrum ihre rasante Verbreitung im Digitalisierungsbereich erfahren haben, obwohl sie ja auch für viele andere Projektarten eingesetzt werden. Aber auch für agile Frameworks und Methoden schnappt die Ganzheitlichkeits-Falle aus der Bau-Metapher wieder zu: Agiles Arbeiten als isoliert angefasster Baustein ist ebenso zum Scheitern verurteilt, wie es ein potenzieller Erfolgsfaktor bei sauberer Integration in den „Gesamt-Bauplan“ sein kann. Eine Erfahrung, die viele Unternehmen und Organisationen auf schmerzliche Weise machen mussten, als sie gutgläubig dem Agilitäts-Hype gefolgt sind, oder es zumindest für einige Zeit probiert haben…

Denn die von den Kunden-Unternehmen benötigte Digitalisierung muss – durchgehend – ganze Wertschöpfungsketten umfassen, sonst bringt sie kaum Vorteile. Sonst fängt sie noch nicht einmal in der Konzeption auf dem Reißbrett an, das zweckmäßig fertigzustellende Haus in Angriff zu nehmen. Geschweige denn, während der praktischen Umsetzung. Eine derart strukturierte Herangehensweise sei jedoch mit den vorhandenen Mitarbeitern nicht abbildbar, so die häufigen Aussagen in meinen Gesprächen, die sich dann wieder komplett mit den repräsentativen Ergebnisse der o.g. EY-/GfK-Studie decken.

Was bedeutet dies nun für die Digitalisierungs-Praxis in deutschen Unternehmen verschiedener Größenordnungen?

Die Antwort auf die sich anschließende Frage, was unter diesen Umständen in Sachen Digitalisierung nun zu tun sei, ist so unspektakulär, wie auch arbeitsintensiv: Wirkliche, ein Unternehmen am Markt differenzierende Digitalisierung arbeitet sich zunächst von den Kundenabforderungen rückwärts die Value Chain entlang, um zuerst Prozesse, dann die Organisation & Mitarbeiter und – ganz am Ende dieser Vorarbeiten – die Systeme anzupacken.

In anderen Worten: Als erstes müssen die für das Digitalisierungs-Vorhaben eingeplanten, führenden Mitarbeiter ganzheitlich qualifiziert werden.

Dann wird das zu bauende Digitalisierungs-Haus zunächst entworfen. Natürlich. Und erst dann wird die Umsetzung des eigentlichen Bauvorhabens geplant und die vielen einzelnen Gewerke und einzelnen Bausteine (jeder für sich hoffentlich in guter Qualität) in dieses, von der Zielsetzung her kommende, Gesamtvorgehen integriert.

Jedes andere, weniger strukturierte, Vorgehen auf der klassischen Baustelle wäre ganz offensichtlich sinnlos und überhaupt nicht zielführend. Bereits wenn es zu kleinen Abweichungen kommt, dann wird die Schwere der fehlenden Fachkundlichkeit bei der Planung und Umsetzung sofort von einem Bau-Sachverständigen bewertet. Wenn ich mit den Sachverständigen-Kollegen aus dem Bau-Bereich (meist Dipl. Architekten) und aus anderen Fachbereichen auf bereichsübergreifenden Gutachter-Weiterbildungen bin, dann bin ich jedes Mal verwundert, wie erstaunlich eng die Parallelen eines Bau- und Digitalisierungs-Vorhabens sind und wie wenig dies von den meisten Unternehmens-Lenkern (= Bauherren) gesehen wird.